Unschärfe macht Sinn

Moderne Digitalkameras bieten dem Fotografen die Möglichkeit an, die Kameraein-
stellungen zu verändern und so in die Belichtung einzugreifen. Er kann durch
Vorwahl der Blende die Schärfentiefe selbst bestimmen.
Die Grundregel ist ganz einfach: Je kleiner die Blendenöffnung, um so größer die
Schärfentiefe; je größer die Blendenöffnung, ums so geringer die Schärfentiefe.
Die Anfängerregel heißt: Je mehr Schärfe im Bild ist, um so besser ist das. Dass
das wirklich nur für Anfänger gilt, lernt der schnell, der sich ein intensiver mit
der Fotografie und deren Gestaltungsmöglichkeiten befasst.

Unschärfe ist ein hervorragendes Mittel, dem Betrachter eines Bildes zu vermitteln,
welche Bildkomponenten dem Fotografen wichtig erscheinen und welche nicht.
Denn aufgrund unserer alltäglichen Sehgewohnheiten wissen wir: Alles, was scharf ist,
ist für uns wichtig. Alles, was unscharf erscheint, ist eher schmückendes Beiwerk,
eventuell sogar störend im Bild. Die partielle Unschärfe in einem Foto hat also
so was wie eine symbolhafte Aussage. Richtig eingesetzt hilft sie dem Betrachter,
die Bildbotschaft zu erkennen.

Im Leben richten wir den Blick auf das, was wirklich interessiert. In der Fotografie
gibt der Fotograf dem Bildbetrachter durch gezielte Schärfen-/Unschärfenverteilung
vor, was ihn zu interessieren hat. So ist der Fotograf in der Lage, den Blick des
Betrachters exakt dorthin zu steuern, wo er ihn haben will. Ganz nach der Regel:

Scharf = wichtig, unscharf = weniger wichtig bis unwichtig.



Bild 1
Es genügt, wenn ein Bildteilt scharf ist. Sobald der Betrachter erkennt,
dass der Hintergrund unscharf ist, kann er sich auf die Person im Vordergrund
konzentrieren. Der Hintergrund schafft auch in seiner Unschärfe zusätzlichen Reiz,
indem es einen Kontrapunkt zu den scharfen Bildteileb anbietet.



Bild 2
An dieser Mühle scheint auf den ersten Blick alles scharf. Der Eindruck
von schnell drehenden Mühlenflügel entsteht erst, wenn die Mühlenflügel unscharf
und durch Langzeitbelichtung verwischt abgebildet werden.



Durch gezielte Schärfeneinstellung kann der Fotograf dem Bildbetrachter vermitteln,
auf welche Motivteile es ankommt und welche unwichtig sind.
Zweitrangige Bildbestandteile werden unscharf. Die Schärfe wird auf das zentrale
Bildmotiv eingestellt: Dabei wählt man die Blende so, dass dieses scharf und alle
davor und dahinter angeordneten Bildelemente unscharf abgebildet werden. Große
Blendenöffnungen (F2 bis F4) erzeugen geringe, kleine Blendenöffnungen (F8, F11 usw.)
größere bis große Schärfentiefe. Sollen alle Bildelemente scharf werden, muss
eine möglichst kleine Blende vorgegeben werden.